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Lessings Fabeln

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Lessing und seine Fabeln: Gründe für die Anpassung des Genres

Hinterfragt durch vergleichende Betrachtung des Beispiels "Der Rabe und der Fuchs"

Fabeln sind eine sehr alte Gattung. Bereits im alten Griechenland bediente sich der Sklave Äsop dieses Genres, um versteckte Kritik an den herrschenden Umständen zu üben. Dieses Anliegen ist nun tatsächlich nicht als rückständig anzusehen. Über die Jahrhunderte hinweg wollten Verfasser von Fabeln auf problematische Umstände in der Gesellschaft aufmerksam machen. Mit der Veränderung der Gesellschaft und dem Auftreten neuer Probleme änderte sich auch die Intention, da die Leser für neue Missstände sensibilisiert werden müssen. Eine beliebte Fabel ist "Der Rabe und der Fuchs", die wir an drei Beispielen (Äsop, La Fontaine , Lessing) zur Veranschaulichung der Veränderungen nutzen wollen.

Der "Urtext" von Äsop zeigt einen schlauen Fuchs, dem es gelingt, einem dummen Raben ein Stück Fleisch abzulisten. Dies wird auch durch die am Ende formulierte Fabelmoral bestätigt: "Auf einen dummen Kerl passt die Fabel sehr gut."
In der Fassung von La Fontaine gelingt es dem Fuchs ebenfalls, dem Raben das Futter (hier Käse) abzunehmen, jedoch liegt hier ein viel stärkeres Gewicht auf der Eitelkeit des Raben, die seine Dummheit noch überbietet. Der Fuchs umschmeichelt das eingebildete Tier galant, sein Handlungsteils erscheint viel stärkere ausgeführt als bei Äsop. Interessant ist auch die Veränderung der Epimythion: Während der Fuchs bei Äsop den Raben verhöhnt, so erscheint er bei La Fontaine eher als ein Lehrer: "Mein Herr, ein jeder Schmeichler lebt gut und gern von dem, der auf ihn hört: die Lehre ist doch wohl ein Stückchen Käse wert!" Der Rabe reagiert entsprechend: Er ist zwar "wütend", aber er hat aus diesem Erlebnis gelernt ("Der Rabe [...] schwor ab [...] für immer solchen Possen").
Lessings Fabel stimmt in den wesentlichen Handlungsschritten mit der Vorlage Äsops oder La Fontaines überein: Der Rabe wird vom Fuchs umgarnt und lässt ihm seine Beute. Verändert wurde die Bewertung der Details: Der Rabe ist nicht mehr wirklich dumm, sondern nur noch naiv, der Fuchs weniger listig als vielmehr boshaft und falsch. Ein weiteres neues Element ist die Tatsache, dass die Beute, die sich der Fuchs erschmeichelt, vergiftet ist - der Rabe also im eigentlichen Sinne der Sieger der Situation ist und der Fuchs für seinen Betrug mit dem Leben zahlen muss.

Bildet La Fontaine Äsop recht genau nach (die Anpassungen sind inhaltlich nicht von tragender Bedeutung), so spiegelt die Veränderung Lessings seine aufklärerische Intention: Er verurteilt List und Täuschung: "Möchtet ihr euch nie etwas anderes als Gift erloben, verdammte Schmeichler!".
Er wendet sich somit in seiner Kritik nicht etwa an den Einfältigen, der nichts an seiner Unwissenheit aufgrund seines beschränkten Verstandes verändern kann, sondern an denjenigen, der wohlwissentlich und trotz oder gerade wegen seines Verstandes die ihm Unterlegenen zu seinem Vorteil manipuliert.

Hier lässt sich die Parallele mit der vorherrschenden Obrigkeit der damaligen (und vielleicht auch heutigen?) Gesellschaft bilden, die ihre Monopolstellung auf allen Gebieten zur Unterdrückung des "Laien"volkes ausnutzt, um ihre Position zu behalten und darüber hinaus weiter auszubauen.

Lessing hätte, um dies zu verdeutlichen, auch eine neue Fabel erfinden können. Andererseits waren "Rabe und Fuchs" sehr bekannt, so dass die Neufassung mit ihrer schon in der ersten Zeile deutlichen Veränderung stärker zeigt, dass sich offenbar etwas verändern muss.

Die Fabel umzuschreiben ist aus Sicht Lessings unausweichlich, weil nur dadurch seine Aussageabsicht - Kritik an der Gesellschaft, insbesondere an den Zuständen bei Hofe - entsprechend eindeutig vermittelt wird. Die sehr deutliche Sprache, die veränderte Charakterzeichnung der Protagonisten und die drastische Fabelmoral unterstützen seine Intention.
So lässt sich anhand der Entwicklung der Fabeln auch eine Wandlung der Gesellschaft ablesen: Obwohl in allen Fabeln eine moralische Belehrung erzielt werden soll, werden unterschiedliche moralische Werte in den Vordergrund gestellt. Wo Äsop und La Fontaine dem Menschen die Überlegenheit desjenigen vor Augen führen, der mit Klugheit und List zum Erfolg kommt, so zeigt Lessing die Schattenseite dieser Eigenschaften, wenn sie falsch eingesetzt werden.

Zu "Aufklärung"

Erstellt von Webmaster. Letzte Änderung: Webmaster, 05.09.2009 16:22 (ID: 108)

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