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Zu Beginn der Aufführung des Dramas "Nathan der Weise" wird der Zuschauer durch ein lautes,
ohrenbetäubendes Flugzeuggeräusch darauf aufmerksam gemacht, dass die Aufführung beginnt.
Sofort fragt man sich, was dieses Geräusch zu bedeuten hat, doch eine Antwort darauf bekommt
man erst nach genauerem Nachdenken. Dieses Geräusch ist Teil der stark modernisierten
Inszenierung durch die Regisseurin. Daher war das Bühnenbild eine Hotellobby, die auf den
ersten Blick wirkte, als ob sie mitten in ihrer Renovierung stehe. Doch sollte dieser
"unvollendete" Raum ein Hotel des heutigen Jerusalem darstellen, dort wo durch
Flugzeugangriffe Häuser zerstört wurden. Somit befindet man sich nicht in der Zeit
Nathans, sondern in unsrem "modernen" Zeitalter. Dies ist auch unschwer an den Kostümen
der Schauspieler zu erkennen. Nathan und Saladin sowie Recha, Daja und Sittah tragen
gewöhnliche Anzüge bzw. Röcke, wie die Menschen der heutigen Zeit. Der Tempelherr wirkt
durch seinen Kapuzenpullover, den langen Mantel und seine Stiefel wie ein "Skinhead" und
der Patriarch ist so gar nicht prunkvoll gekleidet.
Die Schauspieler selbst harmonieren miteinander und liefern ein gut eingestimmtes Gesamtbild.
Doch ließ die Regisseurin die eigentlichen Charaktereigenschaften einiger Figuren durch ihre
Interpretation verfälschen.
Der doch eigentlich so prunkvolle und aufbrausende Patriarch behandelt den Fall, dass ein
Christenmädchen bei einem Juden aufwächst, was wohl ein Skandal für die katholische Kirche
ist, als völlig nebensächlich und erwähnt geradezu beiläufig : "Der Jude wird verbrannt."
Die herablassende Art des Tempelherrn zu Beginn ist sehr gelungen dargestellt, doch wartet
der wissende Zuschauer vergeblich auf die Wandlung des Tempelherrn in seinem Umgang mit
Recha und Nathan.
Nathan, der doch als weise und stark gilt, wird als unterwürfig und nicht wirklich weise
dargestellt. Dieses konnte man wohl noch akzeptieren, doch das fatalste an dieser gesamten
Darstellung Nathans und der des ganzen Stückes, war die völlige Verfälschung der Ringparabel.
Diese wird von Nathan sichtlich nervös und durch hektische Sprechweise und einigem Stottern
schwer verständlich geschildert. Anstatt dass er den Sultan mit dieser Geschichte zum
Nachdenken anregt und somit seine Weisheit zeigt, ist Saladin völlig gelangweilt und
erbost, da er keine richtige Antwort auf seine Frage, welche die richtige Religion sei,
bekam. Anstelle von Einsicht, die jedoch durch die nicht vorhandene Weisheit dieses Nathan
nicht entstehen kann, zeigt Saladin Langeweile und wirft Nathan aus dem Palast.
Somit wird auch das Schlussbild verfälscht, denn Recha, die eigentlich symbolisch alle
Religionen in sich vereint, wehrt sich am Schluss gegen das Christentum und fühlt sich in
ihrer moslemischen Familie sichtlich unwohl.
Dieses Stück ist ein Beispiel dafür, dass man Modernisierungen an solch alten und bekannten
Stücken doch besser sein lassen sollte!
-Rezension der Aufführung vom 24.04.2005 in Mainz-
Es wird langsam hell und man erlangt Einsicht auf ein Hotelfoyer. Putz bröckelt von den
Wänden, dem Marmorboden fehlen Platten und von dem Eingangstor ist nicht weniger übrig
geblieben als der Rahmen, vor dem Plastikplanen wehen. Flugzeuggeräusche lassen jäh den
Saal erzittern und plötzlich wirkt das Bühnenbild wie ein Schauplatz des Krieges. Doch
plötzlich rührt sich etwas: ein schwarzbekleideter Mann mit Hut und Aluköfferchen betritt
die Lobby. Eilig stellt er den Koffer ab und sieht sich um. Etwas heruntergekommen und
unsicher steht er da. Hinter ihm erscheint eine geschäftsmäßige, im grauen Kostüm
gekleidete Frau, die sofort auf den Neuankömmling zusteuert. "Er ist es! Nathan! Gott sei
ewig Dank!"
So beginnt im Mainzer Theater die Inszenierung von Lessings Drama "Nathan der Weise". Das
dramatische Gedicht, das zur Zeit der Kreuzzüge in Jerusalem angesiedelt ist, handelt von
Humanität und Toleranz bis endlich dem Zusammengehören aller zu einer religiös unabhängigen
Menschheitsfamilie. Der jüdische Kaufmann Nathan verliert seine Tochter Recha fast bei einem
Hausbrand. Sie wurde in letzter Minute von dem Tempelritter Curd gerettet, der kurz zuvor
vom Sultan Saladin begnadigt worden war. Am Ende kommen alle zu der Erkenntnis, dass sie
über die Grenzen der unterschiedlichsten Religionen miteinander verwandt sind.
Diese unglaublich klingende Geschichte ist von Irmgard Lange ohne viel Umschreiben in die
Gegenwart gesetzt worden. Zwar ist Lessings Botschaft vom gleichen Stellenwert der
Religionen heute(leider)noch genauso aktuell wie vor 200 Jahren, als er sein Drama
verfasste, aber scheint von Lange teilweise falsch umgesetzt zu sein. Gemeint ist hier die
allseits bekannte Ringparabel. In der meist als Höhepunkt verstandenen Szene zwischen Nathan
und Sultan blüht Nathan regelrecht auf in seiner humanen und toleranten Lehre und umgeht so
geschickt der Falle Saladins, der von ihm seine Meinung zum absoluten Glauben fordert.
Selbstsicher, klug und weise -so die Theorie und die Praxis? Ein eingeschüchterter Nathan
(gespielt von Thomas Marx), der ängstlich und sichtlich nervös seinen Text "runterleiert"
und so niemanden überzeugt. Weder das Alt-Junge Publikum, noch Saladin, der ihn
unfreundlich und herablassend rausschmeißt.
Ja, nun eben dieser Sultan und dessen Schwester Sittah wirken auch alles andere als
sympathisch. Thomas Kienast als gelangweilter und schmieriger Mittvierzier mit Bäuchlein und
anzüglichen Anwandlungen und Solveig Krebs, die Zigaretten rauchende "Tussi", die mit ihren
Intrigen und snobistischen Verhalten die Geziertheit in Person darstellt. Diese zwei
Hotelgäste scheinen eher "Billigurlauber" zu sein als einer reichen und anständigen Familie
anzugehören.
Ganz anders Markus Heinicke als Tempelherr, der drucksend, verliebt und im abgewetzten Mantel
vor der kindlichen, aufgeweckten Recha (dargestellt von Tatjana Kästel) steht. Beide,
hervorragend umgesetzt, bilden den unterhaltenden wie ernsthaften Teil des Stückes. Sei es
Heinicke, der aggressiv und herrisch über alle Nicht-Christen herzieht oder Kästel, die mal
schwärmerisch durchs Foyer rennt oder ernsthaft dreinblickend vor Sittah kniet und ihr ihr
Leid klagt, beide überzeugen durch ihre Schauspielkünste.
Wenn auch das kleine Haus voll besetzt war, so gab es nach zweieinhalb Stunden eher
zurückhaltenden als euphorischen Applaus.
Man sagt doch, dass die Inszenierung eines Theaterstückes allein in den Händen des Regisseurs
und dessen Auslegung des Stückes liegt. So hat ein Regisseur also alle Freiheiten, wenn es
darum geht, die passenden Schauspieler, Kostüme und Requisiten auszusuchen. Aber, und diese
Frage stellt sich in erster Linie dem belesenen Publikum, das sich mit dem Kontext des
Stückes vorher auseinandersetzt, ehe es dieses im Theater bewundert, sollte die Freiheit
eines Regiesseurs nicht eingeschränkt werden, wenn das, was dabei herauskommt, so gar
nichts mehr mit dem ehemaligen Werk zu tun hat? Wie in der Mainzer Inszenierung des
Lessingdramas "Nathan der Weise". Das Haus war unbestreitbar ausgefüllt, jedoch waren
die meisten mit anderen Voraussetzungen hergekommen als ein kritischer Beobachter, der
sich vorher eingehend mit der Problematik des Nathan auseinandergesetzt hat. Ein
solcher Zuschauer musste doch leicht entsetzt feststellen, dass diese Aufführung des
Lessingklassikers nur noch sehr wenig mit dem eigentlichen Thema des Nathan gemein
hatte. Lessings Drama spielt zur Zeit der Glaubenskriege und erzählt die Geschichte
eines reichen Juden namens Nathan, der unter dem Volk auch als der "Weise" betitelt
wird. Nathan hat eine Ziehtochter, die eigentlich Christin ist, jedoch erzieht er sie
im jüdischen Glauben. Als nun seine Tochter Recha bei einem Brand fast umgekommen
wäre, hätte sie nicht ein Tempelherr gerettet, fängt die Handlung an sich zu
verdichten. Am Ende stellt sich dann heraus, dass Recha und der Tempelherr die
Kinder des toten Sultanbruders sind, also des Sultans Neffe und Nichte.
Der Höhepunkt des Dramas ist die sogenannte Ringparabel, die gleichzeitig auch die
Problematik des Stückes widerspiegelt. Der Sultan fragt Nathan, welche Religion in seinen
Augen die wahre Religion sei. Der erklärt ihm anhand eines Märchens, dass es keine wahre
Religion gibt und jeder friedlich nach seiner Religion leben soll, so dass es ihn glücklich
macht.
Allein mit diesem Hintergrundwissen wäre man bei der Mainzer Darstellung doch etwas
verwundert nach Hause gegangen, denn vor allem die Rolle des Nathan wurde ganz und gar nicht
überzeugend auf die Bühne gebracht. Schüchtern und in sich gekehrt stand er das gesamte Stück
über da und an der wohl wichtigsten Stelle, bei der er seine Weisheit hätte zu Tage fördern
müssen, nämlich der Ringparabel, wirkte er wie ein Häufchen Elend, das eigentlich nicht
weiß, was er sagen soll, und nur hofft schnell wieder zu Hause zu sein. Die Schuld ist
hierbei keineswegs beim betreffenden Akteur zu suchen, der sich sichtlich bemüht hat, die
Anforderungen der Nathanrolle umzusetzen, jedoch sollte sich der Regisseur fragen, ob er
nicht die Bedeutung und Wichtigkeit des Nathan herabgesetzt hat, indem er den Darsteller
wie einen feigen, schüchternen, gar nicht wortgewandten Menschen über die Bühne laufen
ließ. Doch nicht nur die Nathandarstellung ist dem Regisseur misslungen, auch Saladin,
der Sultan, wurde seiner Rolle im Drama in keinster Weise gerecht. War er doch im Werk
Lessings am Ende als einsichtig und durch Nathan belehrt, beschrieben worden, so verfehlte
der Mainzer Saladin seine Wirkung um einiges. Dargestellt wie ein schmieriger Bürokrat
ohne Rückgrat konnte man ihm einfach nicht glauben, dass Nathan ihn mit diesem
Vergleichsmärchen davon überzeugt hatte, es gäbe keine wahre Religion. Insgesamt waren
die Darsteller eher unglücklich gewählt. Recha spielte ihre jugendliche Naivität zwar
sehr überzeugend, jedoch verfehlte sie am Ende des Stückes, als sich dann herausgestellt
hat, dass der Tempelherr ihr Bruder ist, die Emotionen, die sie hätte zeigen müssen.
Anstatt erleichtert und glücklich zu sein, dass sich alles aufgeklärt hat, ist sie eher
den Tränen nahe und will sogar die Bühne frühzeitig verlassen. Im Prinzip kein Wunder,
denn mit dieser Darstellung des Tempelherrn wollte ich auch nicht verwandt sein. Mit
Springerstiefeln und langem Militärmantel wirkt dieser nicht nur wie ein Nazi, er
benimmt sich auch so! Weder gegenüber dem Sultan, dem er zum Dank verpflichtet ist,
noch gegenüber dem Partiarchen zeigt er Demut und den nötigen Respekt, den er hätte
haben müssen. Und als ob die darstellerische Leistung nicht schon daneben genug
gewesen wäre, hat der Regisseur auch bei der Auswahl des Bühnenbildes sowie den
Kostümen und Geräuschen, ein alles andere als glückliches Händchen bewiesen. Alle,
aber ausnahmslos alle Akteure waren in neumodische Klamotten gesteckt, die sie rein
äußerlich alle gleich erschienen ließ und nicht wie eigentlich vorgesehen die drei
zerstrittenen Religionen dieser Zeit widerspiegelten. A propos Zeit, das Stück
spielt zur selben Zeit der Kreuzzüge, die Mainzer Inszenierung ließ das Werk im
heutigen Jerusalem spielen, daher auch das absolut unverständliche Bühnenbild.
Konfrontiert wurde das Publikum mit einer zerbomten Hotelhalle in der wahrlos
ein paar Sessel standen. Das Bühnenbild wechselte verwirrender Weise nicht
einmal, egal ob sich eine Szene nun gerade beim Sultan im Palast oder beim
Patriarchen im Kloster abspielte. Als ganz besonders störend an dieser
zwanghaften Modernisierung waren die Düsenfliegergeräusche, die über die
Hotelhalle hinwegfegten und wohl die noch drohende Gefahr ausdrücken sollten,
denn auch die Schauspieler duckten sich immer ganz verängstigt, so als hätten
sie Angst, eine weitere Bombe würde aus sie hinab geworfen.
Diese zwanghafte Übertragung eines Themas in unsere heutige Zeit, das sicher noch aktuell
ist, ist dem Regisseur gelungen, jedoch war der Preis, den er dafür zahlen musste, zu hoch.
Er musste das Stück aus seinem geschichtlichen Kontext reißen um ihn in unsere Zeit zu
setzen, dabei gingen ihm die Bedeutung und die Kernaussage dieses Werkes verloren.
Respekt gilt deshalb dem Publikum, das nach 2 3/4 Stunden einer eher unglücklichen
Inszenierung eines eigentlich lehrreichen Stückes noch so langanhaltenden Applaus spenden
konnte.
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